Im Projekt TDR4HAW haben wir eine Arbeitsdefinition entwickelt, die transdisziplinäre Forschung in den spezifischen Kontext von Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) einordnet. Sie zielt darauf ab, die Ausprägungen von td Forschung im Kontext von HAW begrifflich möglichst klar zu beschreiben. Es geht uns ausdrücklich nicht um eine abschließende Definition von td Forschung ausschließlich für und an HAW. Ausgangspunkt der Arbeitsdefinition bildet eine Auswertung der sehr differenzierten Literatur zu transdisziplinärer Forschung allgemein, die wir in einem projektinternen Glossar aufbereitet haben. Dieses Begriffsverständnis haben wir dann auf die spezifischen Forschungsbedingungen an HAW auf Basis eines Scoping Reviews zu Forschung an HAW (vgl. Michelini et al. 2026) übertragen.
Transdisziplinäre Forschung ist ein Modus, in dem sich Forschung vollzieht (Gibbons et al. 2010; Etzkowitz und Leydesdorff, 2000). Ihn charakterisiert, dass sein Ausgangspunkt in der Lösung gesellschaftlicher/ realweltlicher Probleme besteht (Lang et.al., 2012, p. 27). Häufig handelt es sich um komplexe Problemstellungen, die auch als „Große gesellschaftliche Herausforderungen“ oder Wicked Problems bezeichnet werden, die eine kooperative und integrative Form der Wissenserzeugung erfordern (Lang et.al., 2012, Lawrence et al., 2022, WR 2015). Bei der Lösungsentwicklung (also im Forschungsprozess) wird die Expertise von Angehörigen der Wissenschaft – teils aus verschiedenen Fachgebieten – sowie von Akteur*innen außerhalb des Wissenschaftssystems einbezogen. Dabei werden wissenschaftliches Wissen (theoretisches, methodisches, empirisches) und praktisches Wissen (Expertise, implizites Wissen, Erfahrungswissen, Nutzer*innen- und Betroffenenperspektive) integriert, wobei theoretisch eine Einheit von Wissen vorausgesetzt wird (Jahn, Bergmann & Keil, 2012, S. 4; Lawrence et.al., 2022, S. 47).
Die außerwissenschaftlichen Akteur*innen gestalten das Forschungshandeln im Sinne einer Ko-Produktion von Wissen mit, was eine gemeinsame Problembeschreibung, Ko-Design, das Aushandeln von Forschungszielen, eine gemeinsame Wissensproduktion sowie die Anwendung dieses Wissens umfassen kann (Jahn, Bergmann & Keil, 2012, S. 4; Lawrence et.al., 2022, S. 47).
Transdisziplinäre Forschung ist aufgrund ihrer Ausrichtung an gesellschaftlichen Problemen in manchen Strängen explizit am Gemeinwohl orientiert (z.B. Grand Challenges, Wissenschaftsrat; Nachhaltigkeitsforschung) (vgl. Pohl und Hirsch 2006, S. 30). Was damit gemeint ist, müssen die Beteiligten für den jeweiligen realweltlichen Kontext immer wieder neu aushandeln und transparent machen. Gemeinwohlorientierung ist jedoch kein distinktes Charakteristikum transdisziplinärer Forschung, sondern sollte grundsätzlich als Anspruch von Forschung betrachtet werden (vgl. BbgHG §3, Abs. 3).
Transdisziplinäre Forschung ist reflexiv angelegt, als ein bewusstes und selbstkritisches Betrachten des Entstehungs- und Anwendungskontextes der Wissensproduktion und der Kompatibilität der Wissensformen und -bestände (Lawrence et al., 2022). Sie bietet den Beteiligten Raum für Lernprozesse (Jahn, Bergmann & Keil, 2012, S. 3). Dies fördert angesichts unterschiedlicher Interessen und Systemzwänge der Beteiligten die Aushandlung gemeinsamer Forschungsziele und eine produktive Zusammenarbeit und bildet die Voraussetzung dafür, die unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsbereiche (an)erkennen und integrieren zu können.
Die spezifischen Bedingungen an HAW bilden die Voraussetzungen für transdisziplinäre Forschung und prägen die Forschungspraxis. In der Auseinandersetzung mit der aktuellen Literatur und bei der konzeptionellen Entwicklung haben wir insbesondere vier Spezifika für Forschungsstrukturen und -praxis an HAW identifiziert:
a) Forschungsaktivitäten haben eine hohe Praxis- und Problemlösungsorientierung. Die genannte Ausrichtung in der Lehre auf Berufsfelder und Branchen bringt es mit sich, dass auch die Forschung auf die Lösung entsprechender sozialer und wirtschaftlicher Probleme abzielt und praxisrelevantes Wissen für eine Umsetzung und Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen anstrebt (Pahl, Ranke 2020). Wissenstransfer ist ein zentraler Treiber der angewandten Forschung (Berghäuser et al., 2025; Henke und Schmid, 2016). Pragmatische methodische Ansätze unterstützen die anwendungsorientierte Forschung (Pahl und Ranke, 2020: 139).
b) Dementsprechend werden Praxispartner*innen systematisch eingebunden, weil sie wichtiges Wissen für die praktikable Lösung konkreter Probleme einbringen und immer wieder auch (eigene) Problemstellungen vorschlagen; somit also die Wissensintegration aktiv mitgestalten. Die enge Vernetzung der HAW ist historisch gewachsen und wird institutionell gefördert (Götze et al., 2021; Strotebeck 2014), wobei es viele Überlappungen zwischen angewandter Forschung und Transfer gibt (Duong et al., 2016).
c) Forschung an HAW ist häufig regional eingebettet und durch eine enge Zusammenarbeit mit lokalen und regionalen Akteur*innen geprägt (Warnecke 2017; Götze et al., 2021; Demele et al., 2021; Schneidewind 2016). Die Ausrichtung der Lehre auf regionale Beschäftigungsstrukturen und Bedarfe insbesondere bei „kleineren, spezialisierten HAW“ (Jaeger und Kopper, 2014: 111). Forschendes Lernen (Praktika, Abschlussarbeiten, studentische Projekte) bietet niedrigschwellige wissenschaftliche Kooperation gerade für kleine Unternehmen, Verwaltungen, Kommunen, NGOs, was durch räumliche Nähe vereinfacht wird (Nölting et a. 2021). Räumliche Nähe erleichtert Begegnungen, Austauschmöglichkeiten und tendenziell auch gemeinsame regionale Interessen. Dadurch kann Vertrauen aufgebaut werden als Voraussetzung für weiterreichende Forschungsaktivitäten (u.a. Löw-Beer et al. 2025) sowie eine Verknüpfung von Lehre, Forschung und Transfer.
d) Forschung wird bereits 2015 von Hachmeister als von zentraler Bedeutung für die Reputation von HAW sowie ihres wissenschaftlichen Personals eingeschätzt (Hachmeister et al. 2015). Sie trägt zur Profilbildung im Wissenschaftssystem bei, unterstützt akademische Karrierewege in der Lehre und erhöht die Attraktivität für Studierende. Zugleich positionieren sich HAW als Forschungsorganisationen und gestalten ihre strategische Außendarstellung über Forschungsschwerpunkte und Leitbilder (Berghäuser et al. 2025). Berufungsverfahren an HAW setzen zudem voraus, dass Professor*innen sowohl über einschlägige Praxiserfahrung als auch über Forschungskompetenzen verfügen. Dies fördert die Professionalisierung der Forschung und stärkt die Vernetzung in der Wissenschaftslandschaft (Cavallaro 2024; Hachmeister et al. 2015). Entsprechend gewinnt auch die Einwerbung von Drittmitteln an Bedeutung (Strotebeck 2014).
Transdisziplinäre Forschung an HAW: Den hohen Praxis- und Problemlösungsbezug (vgl. a) sowie die systematische Einbindung von Praxispartner*innen und ihren Beitrag zur Wissensintegration (vgl. b) teilen angewandte Forschung an HAW und transdisziplinäre Forschung. Somit könnte TDR an HAW als Teilmenge der angewandten Forschung betrachtet werden: also verstanden werden als angewandte Forschung, die ihren realweltlichen Bezug durch Wissensintegration und Partizipation umsetzt. Die regionale Einbettung von HAW-Forschung (vgl. c) lässt erwarten, dass TDR an HAW häufig in Zusammenarbeit mit lokalen und regionalen Akteuren stattfindet.
Quellen:
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Cavallaro, Marco (2024) Universities of applied sciences’ EU research project participation through the lens of differentiation. 51, 1–14, DOI: https://doi.org/10.1093/scipol/scad048 (Zugriff: 8.12.2025)
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Duong, Sindy, Cort‐Denis Hachmeister, Isabel Roessler, Christina Scholz (2016) Facetten und Indikatoren für angewandte Forschung und Third Mission an HAW. die hochschule 1/2016, 87-99. URL: https://www.hof.uni-halle.de/journal/texte/16_1/Duong.pdf (Zugriff: 8.12.2025)
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Gibbons, Michael; Limoges, Camille; Nowotny, Helga; Schwartzman, Simon; Scott, Peter; Trow, Martin (2010). The New Production of Knowledge: The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies. London: SAGE Publications Ltd. DOI: https://doi.org/10.4135/9781446221853
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Diesen Beitrag zitieren: Michel, A.; Michelini, G.; Awad, L.; Nölting, B.; Ulrich, S.; Roessler, I.; Hachmeister, D. (2025) Transdisziplinäre Forschung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften: Eine Projektdefinition. Version 2026. https://tdr4haw.fh-potsdam.de/aktuelles/arbeitsdefinition-transdisziplinaere-forschung-an-hochschulen-fuer-angewandte-wissenschaften/